Geschichte der Zwischenlagerung hoch radioaktiver Abfälle

25.08.2016
Rubriken: Zwischenlagerung

Zwischenlagerung als Vorstufe zur Wiederaufarbeitung

Mit der 4. Novelle des Atomgesetzes 1976 wurde die Entsorgung radioaktiver Abfälle erstmals in der Bundesrepublik Deutschland gesetzlich geregelt. In § 9a wurde der „schadlosen Beseitigung“ (Wiederaufarbeitung) abgebrannter Brennelemente Vorrang eingeräumt. Nur wenn dies „nach Stand von Wissenschaft und Technik nicht möglich, wirtschaftlich nicht vertretbar, oder mit den in § 1 Nr. 2 bis 4 bezeichneten Zwecken unvereinbar ist“, durften sie „als radioaktive Abfälle geordnet beseitigt werden.“ [1] ATG 1976 Bestrahlte Brennelemente sollten nur bis zu ihrer Wiederaufarbeitung zwischengelagert werden.

Am 31.03.1977 stellte die Deutsche Gesellschaft für die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) einen Antrag, am Standort Gorleben ein Integriertes Entsorgungszentrum zu errichten. Dieses sollte folgende Anlagen umfassen: Brennelementlagerung, Wiederaufarbeitung, Abfallbehandlung und Abfall-Zwischenlagerung, Uranverarbeitung, Plutonium-Brennelementherstellung, Abfallendbehandlung und übergeordnete Infrastruktur. [2]

Nach anhaltenden Protesten und massiver Kritik stoppte der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht im Mai 1979 die Pläne für ein Integriertes Entsorgungszentrum und erklärte den Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für politisch nicht durchsetzbar. Damit wurde die schnelle Errichtung einer industriellen Wiederaufarbeitungsanlage in Deutschland unrealistisch. (Auf dem Gelände der Kernforschungsanstalt Karlsruhe betrieb die chemische Industrie seit 1971 eine kleine WAA).

Zwischenlagerung als Langfristkonzept

Mit dieser Entscheidung wurde offensichtlich, dass die Brennelemente viel länger als geplant zwischengelagert werden mussten. Zudem gewann die direkte Endlagerung als gleichberechtigter Entsorgungsweg an Bedeutung. In den überarbeiteten Entsorgungsgrundsätzen von Bund und Ländern vom 28.09.1979 heißt es dementsprechend: „Es besteht Einvernehmen, daß für eine Übergangszeit die Zwischenlagerungsmöglichkeiten ausgebaut werden müssen. Die Regierungschefs von Bund und Ländern begrüßen, daß die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen weiterhin bereit ist, ein externes Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente aus Leichtwasser-Reaktoren zu übernehmen und dabei davon ausgeht, daß zum Zeitpunkt der ersten Einlagerung von abgebrannten Brennelementen die Aufnahmefähigkeit des Salzstockes in Gorleben gesichert erscheint und die Entscheidung über die anzuwendende Entsorgungstechnik positiv getroffen ist. Sie begrüßen die Bereitschaft auch der Landesregierung von Niedersachsen, ein externes Zwischenlager aufzunehmen. Sie nehmen mit Befriedigung zur Kenntnis, daß einige Länder auch durch Zulassung von Kompaktlagern einen Beitrag zur Entsorgungsvorsorge leisten. Sie stimmen überein, daß die Errichtung weiterer externer Zwischenlager im Laufe der 90er Jahre notwendig werden kann; sie werden dann alles tun, um die Errichtung weiterer Zwischenlager zu gewährleisten.“ [3] 

1978 hatte die DWK am Standort Ahaus ein zentrales Nasslager für die Aufbewahrung bestrahlter Brennelemente aus den deutschen Atomkraftwerken beantragt. Nach der Aufgabe der WAA Gorleben änderte sie den Antrag in ein Transportbehälterlager, also ein Trockenlager für die längere Zwischenlagerung um. Am 03.04.1980 beantragte sie die Errichtung eines zweiten Transportbehälterlagers, diesmal am Standort Gorleben. Das TBL Ahaus wurde von 1984-1989, das TBL Gorleben vorher, von 1982-1984 errichtet. Am 25.06.1992 nahm das TBL Ahaus seinen Betrieb mit der Einlagerung der bestrahlten Kugelbrennelemente aus dem THTR Hamm-Uentrop auf. Obwohl früher fertig gestellt, erreichte erst am 25.04.1995 der erste Castor-Transport unter massiven Protesten das TBL Gorleben.

Zwischenlager Nord: Das dritte zentrale Castor-Lager als Ergebnis der deutsch-deutschen Vereinigung

In der Zwischenzeit war durch die deutsch-deutsche Vereinigung die Menge der aufzubewahrenden radioaktiven Abfälle gewachsen. Am Standort Greifswald/Lubmin mussten fünf Reaktoren zurück gebaut werden, in Rheinsberg einer. Vor 1990 waren die bestrahlten Brennelemente aus der DDR nach Russland zurück transportiert worden. Dieser Weg stand nun nicht mehr offen. Die Energiewerke Nord (EWN), die zu 100 Prozent in Bundesbesitz sind, beantragten 1992 die Errichtung eines Zwischenlagers für alle Arten radioaktiver Abfälle.

Während des Genehmigungsverfahrens wurde von den KritikerInnen eingewendet, dass das Zwischenlager Nord für die Bedarfe von Greifswald und Rheinsberg zu groß dimensioniert wäre. Die Bundesregierung wiegelte ab, die Kapazitäten seien auf die Demontage der AKW in Greifswald und Rheinsberg ausgelegt, eine Selbstverpflichtung zum Ausschluss der Einlagerung überregionaler Abfälle sei deshalb nicht notwendig. [4]  Nach erteilter Genehmigung rückte die EWN davon ab. Mit der 6. Änderungsgenehmigung vom 24.02.2009 erhielt sie erstmals die Erlaubnis, weitere Castoren in Halle 8 einzulagern. Im Dezember 2010 wurden Brennelemente aus Karlsruhe und dem Forschungsschiff Otto Hahn und im Februar 2011 kernbrennstoffhaltige Abfälle aus der Wiederaufarbeitungsanlage in Karlsruhe nach Lubmin transportiert.

Rot-grüne Standortzwischenlager

Am 30.06.2000 vereinbarte die rot-grüne Bundesregierung mit der Energiewirtschaft die Beendigung der Wiederaufarbeitung im Ausland: „Die Entsorgung radioaktiver Abfälle aus dem Betrieb von KKW wird ab dem 01.07.2005 auf die direkte Endlagerung beschränkt.“ [5] 

Im Gegenzug wurde die zügige Errichtung und Inbetriebnahme von Zwischenlagern für bestrahlte Brennelemente an den Standorten der Atomkraftwerke festgeschrieben. An 12 Standorten entstanden Castor-Lager: SZL Biblis, SZL Brokdorf, SZL Brunsbüttel, SZL Grafenrheinfeld, SZL Grohnde, SZL Gundremmingen, SZL Isar, SZL Krümmel, SZL Lingen, SZL Neckarwestheim, SZL Philippsburg, SZL Unterweser. Die Genehmigung der Standortzwischenlager wurde auf jeweils 40 Jahre nach der ersten Einlagerung von Castor-Behältern beschränkt. Ursprünglich nur für die Brennelemente aus den jeweiligen AKW vorgesehen, gibt es inzwischen mehrere Aufweichungen. So hat der Betreiber der baden-württembergischen Atomkraftwerke, die EnKK am 17.04.2013 angekündigt, die Lagerung der Brennelemente aus dem AKW Obrigheim im SZL Neckarwestheim zu prüfen. Am 19.06.2015 veröffentlichte die Bundesregierung ihr Konzept zur Rückführung der WAA-Abfälle, was eine Lagerung der Castoren in den SZL Biblis, Brokdorf, Isar und Philippsburg vorsieht. [6] Laut Konzept soll die Rückführung 2017 beginnen. Zuvor müssen jedoch noch Änderungsgenehmigungen zur Aufnahme dieser Castoren für die betreffenden Standortzwischenlager erteilt werden.

Quellen

[1] "Gesetz über die friedliche Verwendung der Kernenergie und den Schutz gegen ihre Gefahren" in der Fassung vom 31.10.1976

[2] Deutscher Bundestag, Bericht der Bundesregierung zur Situation der Entsorgung der Kernkraftwerke in der Bundesrepublik Deutschland (Entsorgungsbericht), Drucksache 8/1281, 30.11.1977

[3] Deutscher Bundestag, Bericht der Bundesregierung zur Entsorgung der Kernkraftwerke und anderer kerntechnischer Einrichtungen, Drucksache 10/327, 30.08.1983

[4] Deutscher Bundestag, Stenografischer Bericht 109. Sitzung, Drucksache 13/109, S. 27ff.

[5] „Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen vom 14. Juni 2000“

[6] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit: „Gesamtkonzept zur Rückführung von verglasten radioaktiven Abfällen aus der Wiederaufarbeitung“, Berlin, 19. Juni 2015


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