Strukturen
Betreiber: 1996 wurden alle Atomkraftwerke unter dem Dach des neuen staatlichen Betreibers, der „National Nuclear Energy Generating Company Energoatom“ (NNAEK Energoatom) zusammengeschlossen. Energoatom ist zuständig für die Planung, den Bau und Betrieb sowie die Stilllegung der Atomkraftwerke. Betreiber des AKW Tschernobyl und Genehmigungsinhaber für die Stilllegung ist das Ministerium für Brennstoff und Energie der Ukraine. [1] Der Betrieb des New Safe Confinement (NSC) untersteht dem staatlichen Spezialunternehmen Atomkraftwerk Tschernobyl (SSE ChNPP). [35] Das Staatsunternehmen RADON betreibt diverse Zwischenlager für Strahlungsquellen [2] und seit 2021 ein Lager für schwachradioaktive Abfälle aus der Industrie in der Sperrzone von Tschernobyl. [3]
Aufsicht: Die staatliche Aufsicht über kerntechnische Anlagen wird seit 2010 vom „State Nuclear Regulatory Inspectorate of Ukraine“ (SNRIU) ausgeübt. [1] Eigentlich soll die staatliche Atomaufsicht unabhängig sein. „Tatsächlich aber werden die dortigen Abteilungsleiter vom staatlichen Energoatom-Konzern ernannt. Dies führt dazu, dass die Aufsichtsbehörde de facto dem zu beaufsichtigenden Unternehmen untersteht. [2]
Uranproduktion
Die Ukraine besitzt zwei Prozent der weltweiten Uranreserven. Die IAEA schätzt das Uranvorkommen auf 184.754 tU, davon 71.498 tU unterhalb von Förderkosten von 80 $/kgU (Stand 2023). Das Land deckt mit dem Uranabbau durchschnittlich etwa 30 bis 40 Prozent des eigenenBedarfs. [34] Im Jahr 2024 betrug die Fördermenge 288 t Uran. [6] Allerdings unterhält die Ukraine keine eigenen Konversions- und Anreicherungsanlagen und ist entsprechend auf Brennstofflieferungen angewiesen. 2023 schloß der ukrainische Betreiber Energoatom ein 12-Jahres-Abkommen mit dem kanadischen Bergbauunternehmen Cameco Corp. über die Lieferung von Uranhexafluorid, um sich energiepolitisch weiter von Russland zu entkoppeln. Demnach hat sich Cameco verpflichtet, bis 2035 100 Prozent des Brennstoffbedarfs für die insgesamt neun Reaktoren in Rowno, Chmelniztky und Süd-Ukraine zu liefern. Im Gegenzug stimmt die Ukraine vertreten durch Energoatom zu, die gesamten Uranfördermengen über den Vertragszeitraum nach Kanada zu exportieren. [40] [41]
Seit 1946 wird in der Ukraine Uran gefördert [4], seit 1961 auch mit dem in-situ-leaching-Verfahren, das zu den umweltschädlichsten Abbauverfahren gehört. Dabei werden im Gegensatz zum mechanischen unter- oder übertage Abbau Bohrlöcher in das uranhaltige Gestein eingebracht. Durch einige dieser Löcher wird eine aggressive Säure (häufig verdünnte Schwefelsäure) in die porösen Lagerstätten gepresst. Die Säure löst die Uranbestandteile aus dem Bergstock und wird über Bohrlöcher wieder herausgepumpt. Durch chemische Reaktionen wird das gelöste Uran als Salz ausgefällt und kann weiterverarbeitet werden. [5]
Gefördert wird das Uran vom staatlichen Vostochny Gorno-Obogatitel’niy Kombinat (VostGOK) und seit 2020 auch von dem privaten Unternehmen Nuclear Energy Systems of Ukraine LLC (NES). [4]
Es gibt diverse Altlasten der Uranförderung, besonders im Zusammenhang mit der Uranerzaufbereitung bei der Pridniprovsky Chemical Plant (PHZ) in Dnjeprodsershynsk, nahe des Dnjeprs. Diese Uranaufbereitungsanlage wurde von 1974 bis 1990 betrieben und ist inzwischen vollständig stillgelegt und abgebaut. [1] Geblieben sind neun Absetzbecken (tailings) mit 42 Mio. t kontaminiertem Material (4 x 1015 Bq), die in einem langfristigen Altlasten-Sanierungsprogramm saniert werden sollen. [4]
Ende 2020 wurde die Uranförderung praktisch gestoppt, die Beschäftigten in den unbezahlten Urlaub geschickt. Grund war die Zahlungsunfähgikeit des staatlichen Energiekonzerns Energoatom, des einzigen Abnehmers des Urans. Er hatte ausstehende Rechnungen in Höhe von umgerechnet 4 Mrd. Euro nicht bezahlt. Seit langem gab es bei der VostGOK Lohnrückstände und es fehlte an Schutzkleidung und Ausrüstung für die Minenarbeiter. Allein das Abpumpen und die Säuberung der Grubenwässer wurde fortgeführt um eine Umweltkatastrophe zu verhindern. [7]
Kurz vor Ausbruch des Krieges, im Dezember 2021, kündigte der ukrainische Energieminister an, die jährliche Uranförderung verdoppeln zu wollen um von Importen unabhängiger zu werden. Angeblich wollte der Staat 300 Mio. Euro dafür in die Hand nehmen. Bis dato konnte mit der einheimischen Produktion 40 Prozent des Bedarfs gedeckt werden. Der Rest wird aus Russland und den USA importiert. [8]
Bereits im Jahr 2021 sank die Uranproduktion in der Ukraine von ca. 750 tU auf 455 tU, in 2022 betrug sie nur noch 100 tU. [6]
Aktuell sind drei Uranbergwerke in Betrieb, die Minen Ingulskaya, Smolinskaya und Novokonstantinovskoye, alle in der Region Kirovograd. [4]
Atomkraftwerke
In der Ukraine sind 15 Atomreaktoren an vier Standorten in Betrieb: Chmelnizki 1 und 2, Rowno 1 bis 4, Südukraine 1 bis 3 und Saporischschja 1 bis 6. Russland besetzt die Atomanlage in Saporischschja seit Anfang März 2022; das Atomkraftwerk ist das größte Europas. Zwei Reaktoren am Standort Chmelnizki sind seit vier Jahrzehnten im Bau, die vier Reaktoren in Tschernobyl sind stillgelegt.
Alle laufenden Reaktoren sind WWER-Druckwasserreaktoren russischen Typs, die vier stillgelegten Reaktoren in Tschernobyl sind RBMK-Reaktoren, graphitmoderierte Siedewasser-Druckröhrenreaktoren.
Die Atomkraftwerke werden vom staatlichen ukrainischen Energieversorger Energoatom betrieben. Etwa die Hälfte des ukrainischen Strombedarfs wird mit Atomenergie gedeckt: [9]
Reaktor | Typ | Brutto-leistung | Baubeginn | 1. Netz-synchronisation | Außer-betriebnahme |
Tschernobyl-1 | RBMK | 800 MW | 01.03.1970 | 26.09.1977 | 30.11.1996 |
Tschernobyl-2 | RBMK | 1000 MW | 01.02.1973 | 21.12.1978 | 11.10.1991 |
Riwne-1 | WWER V-213 | 420 MW | 01.08.1973 | 22.12.1980 |
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Riwne-2 | WWER V-213 | 415 MW | 01.10.1973 | 22.12.1981 |
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Tschernobyl-3 | RBMK | 1000 MW | 01.03.1976 | 03.12.1981 | 15.12.2000 |
Süd-Ukraine-1 | WWER V-301 | 1000 MW | 01.08.1976 | 31.12.1982 |
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Tschernobyl-4 | RBMK | 1000 MW | 01.04.1979 | 22.12.1983 | 26.04.1986 |
Saporischschja-1 | WWER V-320 | 1000 MW | 01.04.1980 | 10.12.1984 |
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Saporischschja-2 | WWER V-320 | 1000 MW | 01.01.1981 | 22.07.1985 |
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Riwne-3 | WWER V-320 | 1000 MW | 01.02.1980 | 21.12.1986 |
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Süd-Ukraine-2 | WWER V-338 | 1000 MW | 01.07.1981 | 06.01.1985 |
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Chmelnyzkyj-1 | WWER V-320 | 1000 MW | 01.11.1981 | 31.12.1987 |
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Saporischschja-3 | WWER V-320 | 1000 MW | 01.04.1982 | 10.12.1986 |
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Saporischschja-4 | WWER V-320 | 1000 MW | 01.04.1983 | 18.12.1987 |
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Süd-Ukraine-3 | WWER V-320 | 1000 MW | 01.11.1984 | 20.09.1989 |
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Chmelnyzkyj-2 | WWER V-320 | 1000 MW | 01.02.1985 | 07.08.2004 |
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Saporischschja-5 | WWER V-320 | 1000 MW | 01.11.1985 | 14.08.1989 |
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Chmelnyzkyj-3 | WWER | 1089 MW | 01.03.1986 | Bau ab 01.03.1986 (Baustopp 1990) |
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Saporischschja-6 | WWER V-320 | 1000 MW | 01.06.1986 | 19.10.1995 |
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Riwne-4 | WWER V-320 | 1000 MW | 01.08.1986 | 10.10.2004 |
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Chmelnyzkyj-4 | WWER | 1089 MW | 01.02.1987 | Bau ab 01.02.1987 (Baustopp 1990) |
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1994 bescheinigte das Bundesumweltministerium, dass die ukrainischen Atomkraftwerke wegen der desolaten Wirtschaftslage in der Ukraine unter Werkstoffproblemen, unzureichender Instrumentierung, unzureichendem Brandschutz und einem schlechten Erhaltungszustand sowie unter Schwächen in der Betriebsführung leiden. [8] Diese Probleme haben sich seitdem verschärft. Ursprünglich war die Laufzeit der Reaktoren auf 30 Jahre ausgelegt, es haben jedoch mehrere Laufzeitverlängerungen ohne entsprechende Nachrüstung stattgefunden. Aus finanziellen Gründen werden die Reaktoren nur in den dringendsten Fällen repariert und sind höchst störanfällig. Gleichzeitig wurde die Auslastung der Atomkraftwerke hochgefahren. [2]
Nach mehreren Störfällen kam es 2015 im AKW Saporischschja zu einem Druckabfall. Daraufhin wurden die Streitkräfte im Bezirk vorsorglich mit Schutzausrüstung gegen Strahlung und Chemikalien ausgerüstet. Am 16.07.2016 kam es im Block Chmelnizky-1 zu einem Druckaufbau im Primärkreislauf, zu einem Kühlmittelleck im Dampfgenerator und einem Druckabfall bei den Brennstoffpatronen. Die Regierung verheimlichte die Schwere des Vorfalls. In den Reaktorblöcken von Rowno gab es mehrfach Probleme mit dem Kühlsystem und auch die Reaktoren des AKW Südukraine weisen gefährliche Schwachstellen und Abweichungen von den Sicherheitsnormen auf. [2]
„Vor dem Hintergrund der politischen Wirren im ersten Halbjahr 2014 wandte sich das ukrainische Außenministerium mit offiziellen Briefen an die NATO, die Vereinigten Staaten und die EU, um Hilfe bei der Sicherung der nuklearen Anlagen zu erbitten. Mit Unterstützung der USA fand im Oktober 2017 eine Übung statt, um die kritische Infrastruktur des AKW Saporischschja zu schützen. Zur selben Zeit bat die Ukraine um ihre Aufnahme in das NATO-Exzellenzzentrum für Energiesicherheit." [2]
Infolge des Krieges überwacht die IAEA seit Januar 2023 dauerhaft die Lage an allen ukrainischen AKW-Standorten. [19]
Stilllegung des AKW Tschernobyl
Die Blöcke 1-3 sollen bis 2028 in den "Sicheren Einschluss" überführt werden. Seit März 2015 werden anhand einer separaten Genehmigung die Arbeiten zur endgültigen Schließung und dem "Sicheren Einschluss" durchgeführt. [1]
Am 24. Februar 2022 wurde das AKW Tschernobyl von russichen Truppen besetzt. Am 09.03.2022 wurden die Anlagen am Standort von der Stromversorgung abgeschnitten. Laut ukrainischer Notfallschutz-Behörde funktionierte die Notstromversorgung. Am 14.03.2022 wurde laut IAEA die externe Stromversorgung wiederhergestellt. Zudem kam es wie schon öfters in der Vergangenheit zu Waldbränden in der Sperrzone. [20] Die Brände und vermutlich auch die Truppenbewegungen wirbelten radioaktive Stoffe auf.
"Ende März wurde eine weitere Einrichtung in Tschernobyl, rund 16 Kilometer vom Anlagengelände entfernt, beschädigt: Ein Labor zur Untersuchung der radiologischen Situation in der Sperrzone fiel Plünderungen zum Opfer. Dabei wurden technische Ausrüstung und wichtige Instrumente zerstört." [20]
Laut Angaben der ukrainischen Regierung haben sich die russischen Truppen Ende März 2022 aus Tschernobyl zurückgezogen und die Kontrolle über das AKW an das ukrainische Personal zurückgegeben. [19] Während die New York Post am 31. März 2022 vermeldete, dass mehrere Hunderte russischer Soldaten mit akuter Strahlenkrankheit aus dem Gebiet um Tschernobyl nach Belarus gebracht worden seien [21] erklärte das BfS, eine solche Kontamination sei unwahrscheinlich. [19]
Die Tagesschau berichtete, dass russische Streitkräfte in dem kontaminierten Gebiet Schützengräben ausgehoben und Sandsäcke befüllt hätten und sich damit kontaminiert hätten. Außerdem seien die die Strahlenmesseinrichtungen und Labore zerstört worden. [22]
Block 4: In der Nacht zum 14. Februar 2025 wurde die neue Schutzhülle, das sogenannt New Safe Confinement (NSC) über dem zerstörten Reaktor Tschernobyl-4 und dessen erster, brüchiger Schutzhülle ("Sarkophag") durch einen Drohneneinschlag massiv beschädigt.
Das NSC wurde über mehrere Jahre in der Nähe des strahlenden Reaktorkomplexes gebaut, da die Strahlenbelastung über dem brüchigen Sarkophag zu hoch gewesen werden. Im Unterbau wurden 30.000 t Stahl und eine halbe Million Schraubbolzen verbaut. Seine Fläche beträgt 86.000 Quadratmeter (entspricht zwölf Fußballplätzen). Der Stahlbogen ist 110 m hoch, 162 m lang und 257 m breit. 2016 wurde die 35.000 Tonnen schwere Konstruktion auf Spezialschienen zu dem etwa 330 Meter entfernten Reaktor geschoben (Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa zehn Metern pro Stunde). Die offizielle Inbetriebnahme der hochtechnisierten Anlage erfolgte 2019. Der Bau kostete ca. 2,1 Mrd. Euro und wurde mithilfe eines internationalen Konsortiums bestehend aus 40 Geberländern finanziert. Der dafür notwendige Finanztopf wird verwaltet von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). [11] Die zweite Schutzhülle soll für 100 Jahre den Austritt von radioaktiven Stoffen aus dem havarierten Kraftwerk verhindern. Es befinden sich schätzungsweise noch etwa 95 Prozent des geschmolzenen Kernbrennstoffs vor Ort. [12] Die ursprüngliche Planung sieht vor, dass der instabile Sarkophag und der Reaktor unter dem NSC bis 2065 zurückgebaut werden. [13] Aufgrund des Krieges und des Drohneneinschlags in das Containment im Februar 2025 sind die Rückbaupläne jedoch vorerst nicht durchführbar.
Die Drohne traf den nordwestlichen Teil des NSC und schlug ein 15 Quadratmeter großes Loch in die innere und äußere Bogenschale. Tragende Elemente der Konstruktion inklusive der Krananlage wurden durch die Explosion verformt, sodass ihre Tragfähigkeit nicht mehr gewährleistet ist. Durch die Explosion entstanden Brände konnten zwar schnell gelöscht werden, es flammten jedoch immer wieder neue Brände auf und schwelten wochenlang unter der äußeren Hülle und zerstörten die Kunststoffmembran. Die Schutzhülle weist auf einer Fläche von 200 Quadratmetern zahlreiche Schäden auf. [35] Das 15 m2 große Loch konnte im Oktober 2025 im Rahmen von Notreparaturen nur provisorisch verschlossen werden. Im Dezember 2025 erklärte die IAEA nach einer Inspektion der Schutzhülle, dass diese ihre wichtigsten Schutzfunktionen verloren habe und kein radioaktives Material mehr zurückhalten könne. [19] Ohne die Reparatur des NSC kann der Rückbau des einsturzgefährdeten Sarkophags nicht beginnen. [35] Ursprünglich sollte die Demontage der instabilen Strukturen zeitnah nach der Inbetriebnahme des NSC beginnen und in 2023 abgeschlossen werden. Durch die Corona-Pandemie 2020 und den Krieg ab 2022 verschoben sich die Arbeiten jedoch immer weiter. Vor diesem Hintergrund hatte die ukrainische Atomaufsicht im Dezember 2023 die Genehmigung für "den bis zu einem gewissen Grad stabilisierten Sarkophag" um sechs Jahre bis 2029 verlängert. [13] Die Verzögerung des Rückbaus stellt ein Sicherheitsproblem dar, denn sollte der Sarkophag unter dem NSC einstürzen, hätte das erhebliche Auswirkungen hinsichtlich der kollektiven Strahlenbelastung für die Arbeiter und zusätzlicher Kosten. Aufgrund der Schäden am NSC ist zudem das Risiko einer Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt erhöht. [35]
Für die Instandsetzung des NSC hat dei EBWE ein neues Finanzierungsprogramm mit internationalen Gebern aufgelegt. Für die Reparaturen werden Kosten in Höhe von 500 Millionen Euro veranschlagt. Im ersten Schritt werden Reparaturkonzepte entwickelt. Bis 2030 soll die Funktionsfähigkeit des Containments wieder hergestellt sein. Allerdings befindet sich die Anlage im frontnahen Bereich eines Kriegsgebietes. Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Bauarbeiten vor Kriegsende begonnen werden können. Allenfalls vorbereitende Maßnahmen sind realistisch. [35]
2004: Inbetriebnahme von K2/R4
1995 schlossen die G-7-Staaten und die EU eine Vereinbarung mit der Ukraine, über die Stilllegung der Reaktoren Tschernobyl-2 und 3. Im Gegenzug sagten die G7-Staaten und die EU finanzielle Unterstützung bei der Stilllegung der Tschernobyl-Reaktoren, der Modernisierung des ukrainischen Energiesektors und der Fertigstellung der beiden Reaktoren Chmelnyzkyj-2 und Riwne-4 (kurz K2/R4) zu. Gegen die Fertigstellung der beiden Reaktoren K2/R4 gab es massive Proteste u.a. aus Österreich und von deutschen Nichtregierungsorganisationen. Kritisiert wurde, dass die Reaktoren K2/R4 weder wirtschaftlich arbeiten noch die Sicherheitsstandards westlicher Staaten erfüllen könnten, selbst mit den geplanten Verbesserungen. [14] Trotzdem billigte die EU im Jahr 2000 einen Kredit über 585 Mio. US$ für die Fertigstellung von K2/R4, davon 215 Mio. US$ von der Europäischen Entwicklungsbank EBRD [4], obwohl das Projekt nicht den Richtlinien der EBRD entsprach.
Ende November 2001 verzichtete die ukrainische Regierung überraschend auf die Kredite der EU, da sie die Bedingungen wie die Reformierung des Energiesektors und Stärkung der Atomaufsicht nicht erfüllen wollte. [15] 2004 wurden die beiden Blöcke in Betrieb genommen, fertiggestellt von einem Konsortium des französischen Unternehmens Framatome AP und der russischen Atomstroyexport, finanziert über lokale Quellen und Anleihen. Kurz zuvor waren von der EBRD 42 Mio. US$ und von EURATOM weitere 83 Mio. US$ für die sicherheitstechnische Nachrüstung der beiden Reaktoren zur Verfügung gestellt worden. [4]
2021: Stellungnahme Österreichs zur Laufzeitverlängerung
Vom 21. Juni bis 30. Juli 2021 wurden im Rahmen der grenzüberschreitenden Beteiligung (Espoo Konvention) die Unterlagen zur Umweltverträglichkeitsprüfung für die Laufzeitverlängerung der Blöcke 3-6 das AKW Saporischschja und der Reaktoren des AKW Südukraine in Österreich öffentlich ausgelegt. Die Österreichische Regierung gab zu beiden Projekten eine Fachstellungsnahme ab. Fazit: Für alle betreffenden Reaktoren können schwere Unfälle mit Containmentversagen und Containment-Bypass mit deutlich höheren Freisetzungen als in den UVP-Unterlagen angenommen nicht ausgeschlossen werden. Solche Worst-Case Unfälle sollten in die Bewertung eingeschlossen werden, da ihre Auswirkungen weitreichend und lange anhaltend sein können und sogar Länder betroffen sein können, die wie Österreich nicht direkt an die Ukraine angrenzen. [16]
Des Weiteren kritisiert die Österreichische Regierung, dass sich die UVP-Unterlagen nicht mit den Sicherheitsdefiziten der WWER-1000 Reaktoren beschäftigen: "Dieser alte WWER-Reaktortyp weist einige Designdefizite auf, die durch Nachrüstmaßnahmen nicht behoben werden können. [...] Bereits 2011 zeigten jedoch die EU Stresstests, dass die ukrainischen KKW nur 172 der 194 Anforderungen der IAEO Design Safety Standards von 2000 erfüllen. Die Umsetzung der notwendigen Sicherheitsverbesserungen wird im Rahmen des laufenden Programms Comprehensive (Integrated) Safety Improvement
Program (C(I)SIP) vorgenommen. Der Abschluss des Programms wurde wiederholt verschoben. Mit Stand 31. März 2021 war noch eine große Zahl an Maßnahmen nicht umgesetzt. Trotz einiger Fortschritte ist das Programm im deutlichen Verzug. Unter dem Aspekt der Sicherheit ist nicht nachvollziehbar, wieso die Abschluss der Maßnahmen keine Voraussetzung für die Lebensdauerverlängerung darstellt. Aufgrund des veralteten Designs der WWER-1000 stehen keine effektiven Maßnahmen zur Verhinderung großer Freisetzungen nach einem Kernschmelzunfall zur Verfügung." [17] [18]
Allerdings wurden von der Ukrainischen Regierung die Genehmigungen für die Lebensdauerverlängerungen bereits vor Abschluss der grenzüberschreitenden UVP erteilt obwohl dies den Vorgaben der Espoo-Konvention widerspricht.
Ausbaupläne
Im September 2021 unterzeichnete Energoatom mit dem US-amerikanischen Konzern Westinghouse eine Vereinbarung über den Neubau von vier AP1000 Reaktoren an bestehenden Standorten. [4] Im April 2024 wurde am AKW Chmelnyzkyj der Grundstein für zwei neue Reaktorblöcke des Typs AP1000 (Block 5 und 6) gelegt. Für die Fertigstellung der Blöcke 3 und 4 (Baubeginn in den Jahren 1986 und 1987) beschließt die Ukraine im Frühjahr 2025 den Kauf von zwei russischen Reaktoren aus dem abgebrochenen bulgarischen Projekt Belene für ca. 600 Millionen US-Dollar. [37] Seitens der bulgarischen Regierung werden im April 2025 jedoch politische Vorbehalte laut. Der Verkauf ist vorerst gestoppt. [38]
Wenige Tage vor dem 40. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl bekräftigt die Ukraine erneut ihre Pläne für einen massiven Ausbau der Atomkraft als Herzstück ihrer Energiestrategie. Die bestehenden Kapazitäten mit einer Nennleistung von 13 Gigawatt sollen nach dem Willen der Regierung auf 25 Gigawatt gesteigert und damit nahezu verdoppelt werden. Dazu will die Ukraine wie geplant am Standort Chmelnyzkyj zu den bestehenden zwei Reaktoren vier weitere errichten. Das Verfahren mit den unfertigen Blöcken 3 und 4 ist unklar. Außerdem hat der ukrainische 2024 Atomkonzern Energoatom mit dem US-Konzern Holtec ein Rahmenabkommen über den Transfer von Holtec-Technologie zur Herstellungen von Komponenten von "Small Modular Reactors" (SMR) unterzeichnet. [39]
Atomkraftwerke im Kriegsgeschehen
AKW Saporischschja unter russischer Besatzung: Stand 24.04.2026
Das Atomkraftwerk Saporischschja ist die größte Atomanlage Europas und liegt mitten in einem hart umkämpften Gebiet. Die Sicherheitslage ist seit Kriegsbeginn prekär. Wiederholter Beschuss führte zu Schäden und der Sorge vor einem Atomunfall. Seit dem 4. März 2022 steht das AKW unter russischer Kontrolle. Überwacht von dem russischen Staatskonzern Rosatom, wird das AKW überwiegend von ukrainischem Personal betrieben. [20]
Aus Sicherheitsgründen sind sämtliche Reaktoren des Kraftwerks seit dem 11. September 2022 außer Betrieb, bereits seit dem 5. September liefert das Kraftwerk keinen Strom mehr in das ukrainische Netz. Seit April 2024 befinden sich alle sechs Reaktoren gleichzeitig im Zustand der sogenannten Kaltabschaltung. Das Risiko eines Unfalls ist dadurch im Vergleich zum Betrieb leicht gesenkt. Es ist aber weiterhin eine kontinuierliche Kühlung erforderlich. Für die Kühlung und zur Aufrechterhaltung der Sicherheitssysteme ist die Anlage auf eine funktionierende Stromversorgung angewiesen. Das Kraftwerk ist dafür über mehrere Leitungen mit dem Stromnetz verbunden. Infolge des Beschusses kam es zuletzt immer wieder zu Schäden an den Leitungen, die das Kraftwerk versorgen. Die Ausfälle der externen Stromversorgung konnten mit den dafür vorgesehenen Notstrom-Dieselgeneratoren überbrückt werden. [24] Im September 2025 wurde das AKW für mehr als zehn Tage von der externen Stromversorung getrennt. Acht Notstromdieselgeneratoren mussten die Kühlung übernehmen. Laut Bericht der IAEA vom April 2026 hat es seit Kriegsbeginn bislang insgesamt 14 totale Stromausfälle im AKW gegeben. Die IAEA bemüht sich um lokale Waffenruhen, damit Reparaturen an zerstörten Stromleitungen vorgenommen werden können. [36] Insgesamt bleibt die Situation instabil.
Nach Berichten ist ein Gebäude am Reaktorblock 1 beschädigt worden und die Radioaktivitätsüberwachung des Reaktors ist ausgefallen. Bei einem Brand in einem Trainingszentrum auf dem Gelände des Kernkraftwerks am frühen Morgen des 4. März 2022 ist keine Radioaktivität ausgetreten. [20]
Berichte über eine Explosion von Munition nahe dem Kraftwerk am 14. März 2022 wurden der IAEA vom Betriebspersonal bestätigt. Demnach hatte das russische Militär nicht explodierte Munition gesprengt, die sich infolge zurückliegender Kampfhandlungen auf dem Betriebsgelände befand. Hinweise auf einen Austritt von Radioaktivität liegen nicht vor.“ [20]
Am 20. November 2022 berichten IAEA-Experten vor Ort nach einem längeren Zeitraum relativer Ruhe von gezielten Angriffen auf die Atomanlage: "IAEA-Experten sahen die Explosionen demnach teils von ihren Fenstern aus. Das Management der Anlage habe Schäden an einigen Gebäuden, Systemen und Geräten gemeldet. Die Schäden beeinträchtigten aber bislang nicht die nukleare Sicherheit. Es habe keine Verletzten gegeben." [25] Die Lage sei jedoch sehr ernst. Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig, dafür verantwortlich zu sein.
Anfang Juni 2023 wurde der Kachowka-Staudamm beschädigt. Unmittelbare Auswirkungen auf das AKW hatte dies nicht, da es flußaufwärts liegt. Das AKW bezieht zwar Wasser für seine Kühlung aus dem Stausee, der Wasserstand im Kühlteich ist jedoch bislang ausreichend. [19]
Seit Juli 2023 werden immer wieder Minen auf dem Gelände entdeckt. [19]
Anfang April 2024: Berichten zufolge wurde das AKW mit Drohnen angegriffen. Laut IAEA gab es dabei geringe Beschädigungen am Gebäude des Reaktorblocks 4 aber keine Auswirkungen auf die radiologische Sicherheit der Anlage. [19]
AKW Riwne
Ende November 2022 wurde das AKW Riwne aufgrund von landesweiten Beeinträchtigungen im Stromnetz ebenso wie die anderen ukrainischen AKW vorübergehend vom Stromnetz getrennt. Die Leistung der Kraftwerke muss seit Kriegsbeginn aufgrund von Kampfhandlungen in der Umgebung und beschädigten Umspannwerken immer wieder gedrosselt werden. [19]
AKW Chmelnyzkyj
Mitte November 2022 wurde eine der externen Stromleitungen beschädigt. Das AKW wurde vorübergehend vom Netz getrennt, ein Notstrom-Dieselaggregat konnte das Problem überbrücken. Beide Reaktorblöcke wurden vorübergehend abgeschaltet. [20]
Ende November 2022 wurde das AKW aufgrund von landesweiten Beeinträchtigungen im Stromnetz ebenso wie die anderen ukrainischen AKW vom Stromnetz getrennt. Die Reaktoren sind inzwischen wieder in Betrieb. Aus Sicherheitsgründen wird die Leistung der Kraftwerke immer wieder zeitweise gedrosselt. [19]
Ende Oktober 2023 wurden zwei Drohnen in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks abgeschossen. Dabei wurde u.a. die Stromversorgung zweier Strahlenüberwachungsstationen in der Umgebung des AKW vorübergehend unterbrochen. Laut IAEA gab es dabei keine Auswirkungen auf die Sicherheit des Kraftwerkbetriebs. [19]
AKW Süd-Ukraine
Das AKW ist derzeit nicht von den Kampfhandlungen betroffen. Nach Angaben des ukrainischen Kraftwerksbetreibers gab es am 19. September 2022 eine schwere Explosion in näherer Umgebung, aber ohne Beschädigung des Kraftwerks. [20]
Ende November 2022 wurde das AKW aufgrund von landesweiten Beeinträchtigungen im Stromnetz ebenso wie die anderen ukrainischen AKW vom Stromnetz getrennt. Die Reaktoren sind inzwischen wieder in Betrieb. Aus Sicherheitsgründen wird die Leistung der Kraftwerke immer wieder zeitweise gedrosselt. [19]
Ende Mai 2023 kam es in einem der drei Reaktorblöcke aufgrund einer Netzstörung oder Netzinstabilität zu einer Notabschaltung. [19]
Brennelemente
Die ukrainischen Atomkraftwerke beziehen ihre Brennelemente von Westinghouse (USA). Mitte 2021 bezogen bereits sechs der 15 ukrainischen Atomkraftwerke Brennelemente aus der Brennelementherstellung von Westinghouse in Västeras (Schweden). [26] Seit 2023 bestückt Westinghouse auch Reaktoren des Typs WWER-440, sodass die Ukraine keine Brennelemente aus russischer Produktion mehr bezieht.
Der v.a. politisch motivierte Einsatz amerikanischer Brennelemente in Reaktoren russischer Bauart, die dafür nicht ausgelegt sind, ist umstritten und führt zu Sicherheitsproblemen. Nach einem Störfall im AKW Süd-Ukraine forderten Beschäftigte des Atomkraftwerks, den Einsatz US-amerikanischer Brennelemente zu verbieten, sie hatten aber keinen Erfolg. [2]
Seit 2009 gab es Bestrebungen in Kooperation mit den USA, Frankreich oder Russland eine eigene Brennelementfabrik in der Ukraine aufzubauen, die jedoch aus diversen Gründen scheiterten. In einer Vereinbarung mit Westinghouse vom August 2021 wird auch der Bau einer solchen Fabrik erwähnt.
Im Februar 2023 verbeinbarte Energotaom mit der Kanadischen Cameco die Lieferung von Uranhexafluorid für die neun Reaktoren in Riwne, Chmelnyzkyj und Süd-Ukraine für den Zeitraum 2024 bis 2035 sowie die Option, auch Uranhexfluorid für das derzeit von Russland besetzte AKW Saporischschja zu liefern sobald dieses wieder unter ukrainischer Kontrolle ist. [4]
Forschungsreaktoren
Die Ukraine betreibt den Forschungsreaktor WWR-M im Kernforschungsinstitut der Akademie der Wissenschaften in Kiew (KINR), der bis 2023 betrieben werden sollte. [1]
Der Ausbildungs- und Forschungsreaktor IR-100 und die kritische Anordnung Sph IR-100 befinden sich auf der Krim und damit inzwischen in russischer Hand.
Im Forschungszentrum Kharkiv befindet sich ebenfalls ein Forschungsreaktor, eine Neutronenquelle sowie eine Einrichtung für die Produktion von Radioisotopen für Medizin und Industrie.
Zur aktuellen Lage in den Forschungseinrichtungen (Stand 24.04.2026)
Kiew
Ende Februar 2022 wurde der Forschungreaktor abgeschaltet. [19]
Das Gelände des Instituts war mehrfach Ziel russischer Angriffe: Nach einem Beschuss am 6. März 2022 wurde es bei einem Angriff am 8. März 2022 getroffen sowie in der Nacht vom 10. auf den 11. März erneut angegriffen. Bei den Angriffen sind offenbar erhebliche Schäden am Gebäude entstanden. [20]
Mitte Januar 2023 wurde bei Angriffen auf die ukrainische Hauptstadt auch das Forschungszentrum getroffen. [19]
Charkiw
Das Forschungszentrum betreibt eine Neutronenquelle und eine Einrichtung zur Produktion von Radioisotopen für medizinische und industrielle Zwecke.
"Die ukrainische Atomaufsicht SNRIU berichtet, dass nach vorläufigen Informationen des Betreibers das nukleare Forschungszentrum in der Stadt Charkiw im Osten der Ukraine infolge einer Bombardierung beschädigt und vollständig von der Energieversorgung abgeschnitten sei. In den Gebäuden befindet sich eine Neutronenquelle. Nach aktuellem Kenntnisstand ist die Anlage bereits am 24. Februar 2022 in einen tief unterkritischen Zustand ("deep subcritical state") überführt worden. Bedingt durch ihre Konstruktion kann die Neutronenquelle aus diesem unterkritischen Zustand nicht in einen kritischen Zustand übergehen. Unterkritisch bedeutet, es kann zu keiner sich selbst aufrecht erhaltenden Kettenreaktion des nuklearen Brennstoffs kommen. Es ist also ausgeschlossen, dass es bei der Anlage zu größeren Freisetzungen von Radioaktivität kommen kann – selbst vor Ort und selbst im Falle eventueller weiterer Beschädigung. Begrenzte radiologische Folgen für die Bevölkerung in der Region lassen sich jedoch nicht ausschließen." [27]
Nach Abschluss der Beobachtermission Anfang November 2022 bezeichnete die IAEA das Ausmaß der Schäden "größer als erwartet. Allerdings sei es zu keiner Freisetzung von Radioaktivität gekommen. [20]
Im März und April 2024 war die Anlage aufgrund von Angriffen mehrfach von der externen Stromversorgung abgeschnitten und wurde über Notstrom-Dieselaggregate versorgt. Zuletzt war die Anlage im September 2024 Ziel von Angriffen. [19]
Strahlenquellen
Ost-Ukraine: In den Gebieten der Ost-Ukraine, die schon seit Jahren von der ukrainischen Regierung nicht mehr kontrolliert werden, gibt es neben dem Zwischenlager in Donezk (s.u.) 1.200 ionisierende Strahlenquellen, 65 Einrichtungen, die solche Strahlenquellen benutzen sowie 142 Strahlenquellen in den Kohlebergwerken. „Zu den meisten dieser Strahlenquellen gibt es überhaupt keine Informationen. Im Juli 2015 fand die Nationale Sicherheitsagentur heraus, dass Aufständische in Luhansk mehrere Quellen ionisierender Strahlung aus den besetzten Kohlekraftwerken verkauft hatten. Im März 2016 fing die Nationale Sicherheitsagentur drei Quellen ionisierender Strahlung in Saporischschja ab, die angeblich durch die unkontrollierten Gebiete an der russisch-ukrainischen Grenze in die Ukraine gebracht worden waren.“ [2]
Mariupol Stand (24.04.2026): "Bei einem Angriff durch russische Granaten ist es am Regionalen Onkologiezentrum in Mariupol zu Schäden gekommen. In der dortigen Strahlentherapieabteilung befinden sich zwei hochradioaktive Strahlenquellen, über deren Zustand derzeit nichts bekannt ist." [20]
Zwischenlagerung hochradioaktiver Abfälle
Saporischschja
Die meisten der bestrahlten Brennelemente lagern vor Ort in Zwischenlagern. 2014 „enthüllten Journalisten, dass auf dem Gelände des AKW Saporischschja Metallfässer mit über 3000 verbrauchten nuklearen Brennelementen unter offenem Himmel lagern.“ [2]
In Saporischschja ist seit 2001 ein Lager für die trockene Langzeit-Zwischenlagerung (DSFSF) in Betrieb. Die Behälter im DSFSF sind nicht in einem Gebäude aufgestellt, sondern nur von einer Mauer umgeben. Im Rahmen der grenzüberschreitenden UVP-Beteiligung forderte die Österreichische Regierung, dass der Nachweis zu erbringen sei, dass diese Art von Trockenlager auch gegen externe Gefahren und Flugzeugabstürze ausgelegt ist. [17]
Süd-Ukraine
Die bestrahlten Brennelemente aus dem AKW Südukraine werden zur zwischenzeitlichen Lagerung und Wiederaufbereitung nach Russland transportiert. Es ist unklar, wie viele abgebrannte Brennelemente - auch vor der aktuellen Lage - noch nach Russland verbracht und wie viele davon im zentralen Zwischenlagers CSFSFgelagert werden. [18] Die Lagerung und Wiederaufarbeitung der Brennelemente in Russland kostet die Ukraine 200 Mio. US-Dollar/Jahr. [4]
Tschernobyl
In ihrer Energiestrategie von 2006 schlug die ukrainische Regierung den Bau eines zentralen Zwischenlagers CSFSF (centralised dry storage facility for spent fuel) in der Tschernobyl-Sperrzone vor. 2014 genehmigte die Regierung den Bau eines Zwischenlagers auf 45 Hektar mit einer Kapazität für 16.350 bestrahlte Brennelemente, geschätzte Baukosten 460 Mio. US$. Im CSFSF sollen Brennelemente aus den AKW Rowno, Südukraine und Chemlnizki sowie verglaste Abfälle aus der Wiederaufarbeitung ukrainischer Brennelemente in Russland eingelagert werden, einige mit sehr hohem Abbrand und einer Wärmelast von 38 kW. Generalunternehmer ist die US-amerikanische Firma Holtec International. Der Transport der bestrahlten Brennelemente soll mit Holtec HI-STAR 190 Behältern durchgeführt und die Brennelemente vor Ort zur Lagerung in Holtec HI-STORM 190 umgelagert werden. Die Behälter werden von der ukrainischen Firma Turboatom hergestellt. Im Januar 2022 begann die kalte Testphase, die Transporte sollten im April 2022 beginnen. [4]
Seit 2016 lagern alle bestrahlten Brennelemente aus den RBMK-Reaktoren von Tschernobyl in einem Nasslager (ISF-1), ebenfalls in der Sperrzone um Tschernobyl. Daneben wurde ein Trockenlager errichtet (ISF-2) in das die Brennelemente aus dem ISF-1 bis 2030 umgelagert werden sollen. Dazu werden sie in einer Heißen Zelle getrocknet und in NUHOMS-Behälter des französischen Unternehmen Orano gepackt. Im ISF-2 sollen sie dann 100 Jahre zwischengelagert werden. Die Betriebsgenehmigung für das ISF-2 wurde im April 2021 erteilt. Das ISF-2 kostete 411 Mio. US$, finanziert vom EBRD Nuclear Savety Account. [4]
„Umweltschützer fürchten, dass die Ukraine später auch ausländischen Atommüll lagern wird, falls die Deponie zehn Kilometer vom stillgelegten Kraftwerk Tschernobyl gebaut werden sollte.“ Genährt wird diese Befürchtung durch die Geldnot der ukrainischen Regierung: „Auf dem Reißbrett wirken die Pläne beeindruckend, aber derzeit zahlt die Führung in Kiew nicht einmal die Gehälter der Angestellten rechtzeitig. Schon lange fragen sich Experten, wie das klamme Land seine milliardenteure Atombranche aufrechterhalten will.“ [3]
Zur aktuellen Lage in den Brennelemente-Zwischenlagern in Tschernobyl (Stand 21.04.2024)
Der Standort Tschernobyl war bereits mehrfach vom öffentlichen Stromnetz abgeschnitten. „In Tschernobyl lagern ungefähr 20.000 Brennelemente in einem Lagerbecken. Selbst bei einem vollständigem Stromausfall besteht nach Einschätzung des BfS keine Gefahr einer sofortigen Freisetzung von radioaktiven Stoffen, da sich das Lagerbecken aufgrund des hohen Alters der Brennelemente (mehr als 20 Jahre) nur langsam erwärmen würde. Selbst ohne jegliche Wasserkühlung wären die maximal möglichen Temperaturen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht hoch genug, um zu Schäden an den Brennelementen zu führen. Am 21. März 2022 konnte nach Angaben der IAEA nach fast vier Wochen erstmals wieder ein Schichtwechsel des Personals stattfinden. Zuvor war die Anlage seit Beginn der Besetzung von dem gleichen Personal betreut worden. Inzwischen haben sich die russischen Truppen aus Tschernobyl zurückgezogen (s.o.) [18]
ISF-2: Bis Ende 2023 wurden 2.391 bestrahlte Brennelemente in das ISF-2 eingelagert. [13]
CSFSF: Mai 2023 erste Anlieferung von bestrahlten Brennelmenten. Stand Januar 2024: 13 Lagercontainer eingelagert. [13]
Konditionierungsanlagen am Standort Tschernobyl
ICSRM: Industrial Complex for Slod Radwaste Management. Konditionierungsanlage, errichtet von NUKEM. Konditionierung der festen, schwach und mittelradioaktiven Abfälle aus Betrieb und Stilllegung der Reaktorblöcke 1-3: Verbrennung, Hochdruck-Kompaktierung, Zementierung und Verpackung. Außerdem wird in der Anlage hochradioaktiver sowie langlebiger fester Atommüll für eine separate Zwischenlagerung aussortiert. [4]
LRTP: Liquid Waste Treatment Plant (LRTP): Konditionierung flüssiger schwach- und mittelradioaktiver Abfälle, Umwandlung in einen festen Zustand, Verpackung in Container für Langzeit-Zwischenlagerung. Finanziert vom EBRD Nuclear Savety Account. [4]
Zur aktuellen Lage in den Konditionierungsanlagen in Tschernobyl (Stand 21.04.2024)
ICSRM: Ende 2021 bis August 2022: letzte Inbetriebnahme-Phase. "Die endgültige Betriebsgenehmigung soll erteilt werden, sobald alle erforderlichen Dokumente vorliegen und bestätigt wurden." [13]
LRTP: In Betrieb seit 2021. 26.04.-15.08.2022 Aussetzung der Betriebsgenehmigung wegen des Krieges. 2023: Wiederaufnahme des Betriebes. In 2023 wurden ca. 230 m³ Abfälle verarbeitet. "Die Abfälle werden mit einer Zementmischung konditioniert. Die Mischung wird in 200-Liter-Fässer verpackt, die nach einer mindestens 28-tägigen Wartezeit in das oberflächennahe Endlager „Engineered Near Surface Disposal Facility“ (ENSDF) für schwach- und mittelradioaktive Abfälle überführt werden können." [13]
Zwischenlagerung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle
„In den ukrainischen Großstädten Kiew, Charkiw, Dnepropetrowsk, Donezk, Lwiw und Odessa sogenannte Radon-Lager betrieben. In diesen Lagern werden schwach- und mittelradioaktive Abfälle aus Medizin, Forschung und Industrie zwischengelagert.“ [28]
„2015 löste die Explosion von Munition in der Nähe des Chemieunternehmens Donezk, die die nahegelegene Deponie für Strahlungsquellen hätte zerstören können, große Beunruhigung aus. Schon in den 2000er Jahren hatte eine Inspektion der Deponie ergeben, dass der Zementbunker, der den radioaktiven Abfall enthält, Risse hat. Inzwischen hat man begonnen, den Abfall neu einzusargen.“ [2]
Zur aktuellen Lage in den Atommülllagern (Stand 21.04.2026)
Charkiw/Kharkov: Bereits am 26. Februar 2022 war in Charkiw ein Lager für radioaktive Abfälle der Firma "RADON" getroffen worden. Laut Bundesamt für Strahlenschutz wurden keine radioaktiven Stoffe freigesetzt. [19]
Kiew: In der Nacht vom 26. auf den 27. Februar 2022 ist ein Lager für radioaktive Abfälle der Firma "RADON" in der ukrainischen Hauptstadt Kiew von Granaten getroffen worden. Nach Informationen der IAEA gab es keine sichtbaren Schäden. Informationen über erhöhte Messwerte lagen nicht vor. [19]
Endlagerung
Im Rahmen der Errichtung der Konditionierungsanlage in Tschernobyl hat die deutsche Firma NUKEM 2008 auch ein oberflächennahes Endlager für kurzlebige radioaktive Abfälle 17 km vom AKW Tschernobyl entfernt errichtet. „Als Abfallgebinde sind Betoncontainer für die konditionierten Festabfälle und 200-l-Fässer für die konditionierten Flüssigabfälle vorgesehen. Die Lagerkapazität ist für 55.000 m3 behandelten Abfall ausgelegt. Das Lager ist für eine radiologische Überwachung von 300 Jahren nach der Einlagerung ausgelegt. Danach ist die Radioaktivität der Abfälle soweit abgeklungen, dass keine Kontrolle mehr notwendig ist.“ [29]
Mit europäischer Hilfe errichtete das Staatsunternehmen Radon ein Lager für schwachradioaktive Abfälle aus der Industrie. Die Abfälle sollen einbetoniert werden. Die ersten 29 Container aus einem Charkower Kombinat wurden 2015 eingelagert. Auch dieses Lager ist für 300 Jahre ausgelegt, so dass die Frage nahe liegt, ob es sich hierbei um ein Zwischenlagerprojekt oder ebenfalls um ein Endlagerprojekt handeln soll. [3]
Nach der Katastrophe von Tschernobyl wurde kontaminiertes Material am Rande diverser Ortschaften gelagert, oft ohne jegliche Dokumentation oder Absicherung. Die DMT hat im Rahmen des von der Europäischen Union finanzierten Projekts „Remediation of Radioactive Waste Storage Sites Resulting from the Chernobyl Nuclear Power Plant Accident and Situated Outside the Exclusion Zone” ein Pilotprojekt zur Charakterisierung und Bergung der „endgelagerten“ Abfälle und zur Umlagerung in die Sperrzone durchgeführt. [30]
Uranmunition
März 2023: Großbritannien beschließt, Uranmunition in die Ukraine zu liefern. [31]
Mai 2023: Explosion in einem Munitionslager in der Nähe der Stadt Chemnitzky, in dem angeblich Uranmunition gelagert worden sein soll. Das Bundesamt für Strahelnschutz hält dies für ausgeschlossen und begründet dies wie folgt: "Zum einen traten die minimal erhöhten Messwerte in der Umgebung von Chmelnyzkyj erstmals bereits zwei Tage vor dem Explosionsdatum auf, zum anderen befanden sich die entsprechenden Messstationen entgegen der Windrichtung. Für die erhöhten Werte kann es viele Gründe geben, dazu gehören unter anderem Niederschläge, Wartungsarbeiten, Defekte und technische Fehler. Ob in dem Lager überhaupt Uranmunition vorhanden war, gilt als nicht gesichert." [19]
September 2023: Die USA kündigen an, Uranmunition in die Ukraine zu liefern. [32]
erstellt 25.03.2022, zuletzt aktualisiert 24.04.2026
Quellen
[2] Maxim Starchak: Atomrisiko Ukraine, in Internationale Politik Juli/August 2018, S. 47-53
[3] lr-online.de: Staatsgeheimnis Atommüll: Ukraine baut Zwischenlager in Tschernobyl, 24.04.2015
[4] World Nuclear Association: Nuclear Power in Ukraine (update March 2024), abgerufen am 20.04.2024
[5] Wiener Umwelt-Anwaltschaft: in-situ-Laugung, abgerufen am 20.03.2022
[6] World Nuclear Association: World Uranium Mining Production, Stand April 2024
[7] Uranminen in der Ukraine stehen still. Der Spiegel 07.12.2020
[8] Ukraine will Uranproduktion hochfahren. Frankfurter Allgemeine Zeitung 29.12.2021
[9] IAEA: Ukraine, abgerufen 20.04.2024
[10] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit: Die westliche Unterstützung zur Verbesserung der Sicherheit von Kernkraftwerken sowjetischer Bauart, Bericht 10.08.1994
[11] Arbeitsgemeinschaft Schacht KONRAD: Tschernobyl – die Atomruine bekommt einen neuen Sarkophag, 22.11.2016, abgerufen am 23.02.2022
[12] Philipp Hummel: Die Grabstätte des Super-GAUs, spektrum.de 15.04.2016
[14] Weed: Kurz-Info: Hermesbürgschaft für neue Atomkraftwerke? 12.12.1999: Die Atomreaktoren K2/R4 in der Ukraine, abgerufen am 19.03.2022
[15] Greenpeace: Ukraine setzt weiter auf Atomkraft, 04.05.2013, in oekonews.de, abgerufen am 25.03.2022
[16] umweltbundesamt.at: UVP Ukraine KKW Lebensdauerverlängerung 2021, abgerufen am 06.04.2022
[19] Bundesamt für Strahlenschutz: Lage in der Ukraine: Bewertung vom 15.04.2024, abgerufen 20.04.2024
[20] Bundesamt für Strahlenschutz: Lage in der Ukraine: Bewertung vom 05.04.2022
[22] tagesschau.de: Die doppelte Katastrophe von Tschernobyl, 26.04.2023
[23] Greenpeace: Der Sarkophag in Tschornobyl - Klappe zu, alles gut? 08.06.2023
[24] Bundesamt für Strahlenschutz: Lage in der Ukraine: Bewertung vom 21.11.2022
[25] zdf.de: IAEA: Gezielte Angriffe auf Atomkraftwerk, 20.11.2022
[26] World Nuclear Association: A guide : Nuclear power in Ukraine, abgerufen am 19.03.2022
[27] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz: Nukleare Sicherheit in der Ukraine: Forschungszentrum in Kharkiv, 11.03.2022, abgerufen am 23.03.2022
[28] Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS): Kernkraftwerke und sonstige Anlagen in der Ukraine, abgerufen am 23.02.2022
[29] Nuklearforum Schweiz: NUKEM stellt oberflächennahes Endlager in Tschernobyl fertig. 09.01.2008, abgerufen am 25.03.2022
[32] Deutsche Welle: Umstrittene Uranmunition für die Ukraine. 07.09.2023
[33] World Nuclear Industry Status Report 2025
[34] Uranium 2024: Resources, Production and Demand. Abrufdatum: 24.04.2026
[35] Greenpeace-Bericht: Eric Schmieman: "Erste Einschätzung der Auswirkungen des Drohnenangriffs vom 14. Februar 2025 auf das New Safe Confinement in Tschornobyl", März 2026. Abrufdatum: 24.04.2026
[36] Update 347 - IAEA Directo General Statement on Situation in Ukraine. Abrufdatum: 24.04.2026
[37] World Nuclear News: "Ukraine's parliament approves reactor equipment purchase from Bulgaria", 12.02.2025. Abrufdatum: 24.04.2026
[38] taz: "Bulgarische Atomreaktoren - Kein Verkauf an die Ukraine", 17.04.2025. Abrufdatum: 24.04.2026
[39] taz: "Ukraine setzt auf neue AKWs", 22.04.2024. Abrufdatum: 24.04.2026
[40] World Nuclear News: Energoatom and Cameco sign uranium agreements, 20.03.2023. Abrufdatum: 24.04.2026
[41] Nuclear Engineering International: "Ukraine, Energoatom and Cameco finalise uranium agreement", 18.04.2023. Abrufdatum: 24.04.2026