Vagabundierende Strahlenquellen

Wusel007, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Ende Oktober 2021 fand die Polizei bei einem Mitarbeiter der Fa. Eckert & Ziegler Nuclitec GmbH in Braunschweig neben Schusswaffen eine bisher nicht näher bezeichnete Strahlenquelle sowie einen vergrabenen Behälter mit zwei Fläschchen mit dem Radionuklid Nickel-63 sowie weitere potentiell kontaminierte Gegenstände. Ein spektakulärer Fund, der nur die Spitze eines Eisberges ist.

In Deutschland werden etwa 100.000 umschlossene radioaktive Strahlenquellen (Strahler) in Industrie und Gewerbe, Medizin, Forschung und in der Landwirtschaft angewendet: "Häufige Einsatzbereiche für Strahler in der Industrie sind die Kalibrierung von Messgeräten, die Werkstoffprüfung, die Produktbestrahlung und -sterilisation sowie die Füllstands- und Dichtemessung. In der Medizin werden Strahlenquellen zumeist in der Strahlentherapie und bei der Blutbestrahlung eingesetzt. Die hierbei dominierenden Radionuklide sind Kobalt-60, Iridium-192, Cäsium-137, Strontium-90 und Americium-241. Die eingesetzten Aktivitäten variieren von einigen Kilobecquerel für Prüf- und Kalibrierstrahler bis zu einigen Terabecquerel bei Strahlenquellen für Bestrahlungsanlagen." [1] (Siehe auch Herkunft radioaktiver Abfälle)

Die Quellen, bei denen die größte Gefahr besteht, dass sie aus der rechtlichen Kontrolle ,herausfallen", sind diejenigen, die nicht mehr verwendet und vom Anwender in seinen Räumlichkeiten aufbewahrt werden. Gemäß der Studie [Angus et al., Management and disposal of disused sealed radioactive sources in the European Union - EUR 1886 (2000)] sind in der gesamten EU etwa 30 000 dieser Strahlenquellen ,verloren gegangen" [2] Daneben ist der Diebstahl von Strahlenquellen wie im Falle von Eckert & Ziegler ein weltweites Problem.

In mehreren Ländern kam es bereits zu schweren Verstrahlungen und mehreren Todesfällen durch solch vagabundierende Strahlenquellen. Ursache war entweder der direkte Kontakt oder weil die umschlossenen Quellen im Schrottrecycling landen und beim Öffnen oder Einschmelzen die enthaltene Radioaktivität frei wird. Im Jahr 2000 wurde auf einem Schrittplatz in Thailand eine Cobalt-60-Quelle geöffnet. Mehrere Menschen wurden so stark verstrahlt, dass sie starben. [1] 2008 wurde bekannt, dass in mehr als 500 Aufzügen der Fa. Otis radioaktiv verstrahlte Aufzugknöpfe verbaut worden waren. Funde gab es in Aufzügen in Frankreich und der Schweiz. Das mit Cobalt-60 verstrahlte Metall stammte aus Indien. Der Vorfall wurde auf Stufe zwei der internationalen Bewertungsskala für nukleare Zwischenfälle eingeordnet. [3]

Erst 2003 wurden die Mitgliedstaaten der Europäischen Union mit der Richtlinie 2003/122/EURATOM [4]  verpflichtet, ein Register für hochradioaktive Strahlenquellen zu führen. Mit dem Gesetz zur Kontrolle hochradioaktiver Strahlenquellen vom 12.08.2005 [5] wurde ein solches Register erstmals auch in Deutschland eingeführt. Die Annahme und Weitergabe eines Strahlers oberhalb der Freigrenzen der Strahlenschutzverordnung unterliegt ebenso wie der Transport der behördlichen Meldepflicht. Verlust oder Fund einer Strahlenquelle sind dem BfS unverzüglich mitzuteilen. 2009 bis 2017 wurden bundesweit 226 Meldungen über den Verlust beziehungsweise Fund von Strahlenquellen mit einer Aktivität größer als 1 GBq gemeldet. [1]

Quellen

[1] Vorschlag für eine Richtlinie des Rates zur Kontrolle hoch radioaktiver umschlossener Strahlenquellen /* KOM/2003/0018 endg. - CNS 2003/0005 */

[2] bfs.de: Sicherheit von radioaktiven Strahlenquellen in Deutschland, abgerufen 27.11.2021

[3] Radioaktive Liftknöpfe auch in der Schweiz, die presse, 03.11.2008

[4] Richtlinie 2003/122/EURATOM de Rates vom 22. Dezember 2003 zur Kontrolle hoch radioaktiver umschlossener Strahlenquellen und herrenloser Strahlenquellen

[5] Gesetz zur Kontrolle hochradioaktiver Strahlenquellen, 12.08.2005