Uran - tödlicher Bodenschatz

Autorin: Juliane Dickel

Bei der Betrachtung der Atom-Probleme stehen zumeist GAU, Transport und Entsorgung im Mittelpunkt. Doch die verheerenden Auswirkungen beginnen viel früher: bei der Gewinnung des Ausgangsstoffs Uran. Uranbergbau bedeutet zumeist eine langfristige Kontamination von Natur, Lebensräumen und Menschen.

Vom Erz zum Atommüll

Uran kommt als Uranerz vor, bestehend aus verschiedenen Uranmineralien und Begleitgestein. Die Uran-Konzentration im Erz variiert sehr stark. Der Uran-Abbau erfolgt im Bergbau - Untertage und im Tagebau. Die herkömmliche Förderung wird seit den 1990er Jahren durch In-Situ Leaching (ISL) oder In-Situ Recovery (ISR) ergänzt. Mittlerweile wird rund die Hälfte des Urans auf diese Weise gewonnen. Über Bohrungen werden Säuren oder Laugen in unterirdische Lagerstätten injiziert und so das Erz vom Restgestein getrennt. Das herausgelöste Uran wird mit Wasser vermischt nach oben gepumpt. Bei dieser Prozedur können unterirdische Wasseradern verletzt werden.

Bei der Aufbereitung wird das Erz mechanisch zerbrochen, gemahlen und Uran chemisch herausgelöst. Dadurch entsteht gelbes Uranpulver, der sogenannte Yellow Cake. Aus 2t Uranerz werden ca. 1 kg Yellow Cake gewonnen. Übrig bleiben giftige Schlämme, sogenannte Tailings.

Der Yellow Cake wird durch Konversion zu Urantetrafluorid (UF4) und schließlich Uranhexafluorid (UF6) umgewandelt. Erst dann kann durch Anreicherung in den weltweit 13 Anlagen der Uran-235-Anteil (spaltbares Uran) im Vergleich zu Uran-238 (nicht spaltbares Uran) erhöht werden. Aus 3 bis 5 Prozent angereichertem Uran werden Brennelemente hergestellt, die Atomkraftwerken zur Stromerzeugung dienen. Auf etwa 90 Prozent angereichertes Uran dient der Produktion von Atomwaffen. Und auch das dabei abfallende abgereicherte Uran, das hauptsächlich Uran-238 enthält, kann noch für panzerbrechende Waffen genutzt werden.

Es gibt weltweit 38 Brennelementefabriken und 13 Urananreicherungsanlagen - jeweils eine davon in Deutschland. Die Anreicherungsanlage in Gronau und die Brennelementabrik in Lingen haben, auch nach Abschalten der letzten deutschen Atomreaktoren Ende 2022, weiterhin unbefristete Betriebsgenehmigungen.

In der Wiederaufbereitung werden aus abgebrannten Brennelementen noch verwendbares Uran-235 und Plutonium extrahiert und die Atommüllmenge dadurch um den Faktor zehn vergrößert.

Am Ende bleibt der radioaktive Atommüll und das ungelöste Entsorgungsproblem.

Das Erbe der Mine

Kanada ist der historisch größte Uranförderer mit 524.000 Tonnen, also über einem Sechstel der gesamten Produktion. Es folgen die USA, Russland bzw. die Sowjetunion, Kasachstan, die DDR und Australien. 70 Prozent des Urans stammt vom Land indigener Völker. Der Uranbergbau geht meist zu Lasten der lokalen Bevölkerung.

Bereits die Erkundung bedeutet Probleme: Durch die unzähligen Probebohrungen können sich unterirdisch uranhaltige Flöze mit Grundwasser verbinden. Dadurch kann das Trinkwasser einer Region kontaminiert werden – unabhängig davon ob dort jemals Uran abgebaut wird.

Die Bedingungen und der Schutz der Arbeitenden in der Mine sind oft unzureichend bis katastrophal. Beim Volk der Diné in Kanada hat fast jede Familie jemanden durch Lungenkrebs verloren, die Fisch- und Jagdgründe sind verseucht, Wiedergutmachung verläuft schleppend. Gleichzeitig will die kanadische Regierung weitere Förderlizenzen vergeben und erwägt in den bereits stark belasteten Regionen ein Endlager zu bauen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass auf dem Gelände der Arlit-Mine im Niger, betrieben vom französischen Konzern AREVA, das Trinkwasser zehn- bis hundertmal mehr mit Radioaktivität belastet ist als von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen. Straßen bestehen aus radioaktiven Gesteinsresten, 35 Millionen Tonnen radioaktiver Abraum liegen ungeschützt um die Minen. die Hintergrundstrahlung ist 200-fach erhöht.

Kasachstan ist seit 2009 wichtigster Uranlieferant und fördert ausschließlich durch In-situ-Leaching. Informationen werden kaum preisgegeben, die Förderungsmethode aber als „sauber“ deklariert, da keine sichtbaren Tailings zurückbleiben.

Weitere Beispiele im Uranatlas beim BUND

Die Wismut – Uranförderung in Deutschland

Auch in Deutschland wurde Uran gefördert, insbesondere in Sachsen und Thüringen. Im Dritten Reich für den geplanten Bau einer Atombombe, nach dem Zweiten Weltkrieg für das Atombombenprogramm der Sowjetunion.

1954 wurde aus der Sowjetischen Aktiengesellschaft SAG Wismut die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft SDAG Wismut, an der die DDR zu 50 Prozent beteiligt wurde. Obwohl das Problem der Radonbelastung bekannt war und viele Bergleute an Lungenkrebs starben, blieben die Schutzvorkehrungen mangelhaft. Selbst die Strahlenschutzverordnung der DDR von 1964 galt explizit nicht für den Uranbergbau. Von 1946 - 2000 wurden 7.693 durch ionisierende Strahlung verursachte Krankheiten (meist Lungenkrebs) als Berufskrankheiten der Bergleute anerkannt. Dazu kommen 16.692 Silikosen / Siliko-Tuberkulosen. 

1990 wurde das bundesdeutsche Strahlenschutzrecht auf das Gebiet der ehemaligen DDR ausgeweitet, aber auch hier waren bergbauliche und andere Tätigkeiten ausgenommen. So konnten bei der Sanierung der Altlasten der Wismut Milliarden gespart werden. 1991 ging der sowjetische Anteil der SDAG Wismut offiziell auf die Bundesrepublik über. Trotzdem untersteht die Sanierung der Bergbausltlasten bis heute nicht dem Atomrecht der Bundesrepublik, sondern der DDR-Strahlenschutzverordnung von 1984.

Bis heute befinden sich vor Ort strahlende Halden und Tailings, die Grundstrahlung ist dauerhaft erhöht. Ca. 3.700 ha radioaktive kontaminierte Halden, Absetzanlagen und Betriebsflächen, über 300 Mio. m³ Bergmaterial auf ca. 48 Halden abgelagert sowie über 160 Mio. m³ Schlämme mit radioaktivem Material und anderen Schadstoffen an sieben Standorten werden seitdem von der bundeseigenen Wismut GmbH saniert. Doch alle Anlagen, die am 30.06.1990 von der SDAG Wismut bereits an die Kommunen und Länder zurückgegeben worden waren, fallen nicht unter die Sanierungspflicht. Ehemalige Absetzbecken wurden abgedeckt, nicht abgedichtet. Giftige Stoffe versickern weiterhin mit Niederschlägen und gelangen ins Grundwasser. In manchen Gegenden gelangt kontaminiertes Grundwasser an die Oberfläche. Auch die Radonbelastung bleibt ein Problem. 2018 musste die Radonkonzentration am Fuße der „sanierten“ Hammerberghalde durch den Einbau eines Dämmriegels und einer Radondrainage verringert werden. Durch das Erzeugen eines Unterdrucks am Fuße der Hammerberghalde soll das Eindringen von Radon aus den Grubenbauen in die Häuser Bad Schlemas verhindert werden.

Diese puristische Sanierung ist unzureichend. Gleichzeitig ist die Wismut global betrachtet ein Musterbeispiel, denn obwohl sich in und um verlassenen Mienen Zerfallsprodukte finden, die teils gefährlicher sind als das Uran selbst, kümmert sich bis heute in anderen Ländern kaum jemand darum.

Uranabbau im Westen Deutschlands

Auch im Westen Deutschlands wurde nach 1945 Uran abgebaut. Dem lagen Bestrebungen zugrunde, eine eigene Atombewaffnung aufzubauen. Schon 1949 ließ der Industrielle Friedrich Flick nach Uran suchen, obwohl dies den Deutschen von den Alliierten verboten war. Die Friedrich Flick KG, der auch die Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg gehörte, eröffnete in den 50er Jahren die Grube Werra. Die Arbeiten liefen zur Tarnung unter dem Namen „Zinnerz-Untersuchungsbetrieb Weißenstadt/Fichtelgebirge“ mit Unterstützung des damaligen Ministers für Atomfragen Franz-Josef Strauß. In den Ausläufern der tschechischen Uranvorkommen in Nordbayern gibt es fünf kleinere Bergwerke, in vieren wurde Uran abgebaut, in einem fanden nur Erkundungen statt. Das letzte Bergwerk, die Grube Christa in Großschloppen, wurde 1989 eingestellt. Übrig geblieben sind vier Halden an den jeweiligen Standorten in Franken und der Oberpfalz.

Auch im baden-württembergischen Menzenschwand wurde Uranerz abgebaut, insgesamt 100.000 t. 1960 genehmigt, wurde der Uranabbau nach dem Versiegen der Trinkwasserquellen zunächst gerichtlich untersagt. Später durfte weiter abgebaut werden, als „Versuchsabbau“ offiziell im Rahmen von Forschungsvorhaben mit fast 40 Millionen DM unterstützt. 1990 wurde der Betrieb wegen Bankrotts des Betreibers eingestellt. Der Abraum lagert auf der Halde Krunkelbach.

Das Uranerz aus allen westdeutschen Minen wurde vor allem in der Rheinland-Pfälzischen Uranerzaufbereitungsanlage Ellweiler weiterverarbeitet. Signifikant erhöhte Radioaktivität im Trinkwasser, Überschreitung der zulässigen Strahlenbelastung für Mitarbeiter teilweise bereits nach einem Drittel des Jahres und eine erhöhte Leukämierate beschäftigten auch die Staatsanwaltschaft. Nach firmeninternen Unterlagen lieferte die belgische Nuklearfirma Mol allein im Jahr 1973 mindestens 645 Fässer mit rund 190 t uranverseuchter Erde illegal nach Ellweiler. Erst 1990 wurde dem Betreiber die Betriebserlaubnis entzogen. Übrig geblieben sind inzwischen mit Steuergeldern sanierte Halden, radioaktive Abfälle in der Landessammelstelle und radioaktiv kontaminierte aber billige Baustoffe, die seit den 1960er Jahren in Wohnhäusern, anderen Bauwerken und auf Wegen verbaut wurden.

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